Start Chemnitz Baustelle Zietenstraße: Händler nur noch genervt
Artikel von: Judith Hauße
10.08.2023

Baustelle Zietenstraße: Händler nur noch genervt

Erst 2024 sollen die Bauarbeiten an der Zietenstraße ein Ende haben. Fotos: Judith Hauße

Warum dieser Familienbetrieb keine Lust mehr auf Baustelle hat

„Der Oberbürgermeister sollte sich einmal selbst ein Bild von der Situation hier machen“, sagt Diana Zollfrank. Die Mit-Inhaberin des Chemnitzer Unternehmens Orthoka Orthopädie Kaden OHG ist sichtlich verärgert über die momentane Großbaustelle auf dem Sonnenberg. „Da spreche ich sicher für viele der hier Ansässigen“, sagt sie. Das Unternehmen ihrer Familie betreibt mehrere Sanitätshäuser in Chemnitz, darunter auch an der Reinhardtstraße 11, wo seit Jahresbeginn die Arbeiten für den Netzausbau zur Fernwärme stattfinden. „Wir haben die Baustelle genau vor unserem Geschäft.“ Kunden hätten es deshalb schwer, überhaupt erst zur Filiale zu kommen. Das mache sich vor allem am Umsatz bemerkbar, wie die Orthopädietechnikmeisterin feststellen muss. „Wir merken einen starken Rückgang.“

Enttäuscht von Kommunikation

Zudem besuchen viele Kunden, die zum Teil mobil eingeschränkt oder älter sind, das Sanitätshaus, auch weil sich hier die maschinelle Werkstatt befindet. Zwar habe man mit dem Bauunternehmen eine Zugangsmöglichkeit für Kunden mit Handicap vereinbaren können. „In dringenden Fällen ist das Parken direkt am Geschäft nach vorheriger Absprache möglich.“
Trotzdem habe das Geschäft inzwischen mit einem zeitlichen Mehraufwand zu kämpfen. Denn viele Kunden nehmen sich erst gar nicht die verkehrsbedingten Strapazen auf sich. „Das bedeutet mehr Hausbesuche, um für alle unsere Kunden da sein zu können.“ Dafür habe sie angesichts der angespannten Chemnitzer Baustellensituation ja noch Verständnis für ihre Kunden, wie sie sagt, für die Vorkommnisse der letzten Wochen in Verbindung zur Baustelle hingegen nicht. Zollfrank: „Zweieinhalb Wochen wurde der Müll nicht abgeholt. Indes stapelte sich hier der Abfall. Bei einem Mehrfamilienhaus mit zwölf Wohneinheiten kann man sich vorstellen, wie viel da zusammenkommt.“ Nachfragen bei der verantwortlichen Baufirma und beim Chemnitzer Abfallentsorgungs- und Stadtreinigungsbetrieb (ASR) gingen ins Leere. „Jeder sagt etwas anderes.“

Generell sei die Kommunikation zwischen dem Bauunternehmen sowie den ansässigen Bewohnern und Gewerbetreibenden seit Beginn an abgeflacht, so das Empfinden vieler, wie Diana Zollfrank enttäuscht meint. „Plötzlich ruhte die Baustelle für ein paar Wochen. Keiner wusste, wann die Arbeiten weitergehen würden.“ Absurd: Trotz Baustelle vor der Tür, tragen die Mieter weiterhin die Kosten für die Straßenreinigung. Eine Minderung dieser sei vorerst nicht vorgesehen, wie es vom verantwortlichen Unternehmen dem Abfallentsorgungs- und Stadtreinigungsbetrieb (ASR) heißt: „Die Straßenreinigungsgebührensatzung regelt in § 6 Abs. 5, dass kein Anspruch auf Gebührenminderung besteht, falls die Straßenreinigung vorübergehend (z. B. baustellenbedingt) eingeschränkt oder eingestellt werden muss. Das Gleiche gilt auch bei Behinderung der Straßenreinigung durch ruhenden Verkehr oder durch sonstiges Verhalten Dritter.“


Erst, wenn nach einer bestimmten Art, Dauer oder einem gewissen Umfang erhebliche Reinigungsmängel festzustellen seien, so dass die Straße als Ganzes nicht mehr als gereinigt angesehen werden kann, komme es nicht automatisch bei Nicht- oder Schlechtleistung zum Wegfall der Gebühren, wie eine Unternehmenssprecherin erklärt.

Erhebliche Reinigungsmängel liegen laut ASR etwa erst vor, wenn die unzureichende Straßenreinigung die Verkehrssicherheit beeinträchtige oder mit den allgemeinen Hygienebedürfnissen unvereinbar sei. „Reinigungsausfälle, welche im Jahr 2023 auftreten und sich mindernd auf die Straßenreinigungsgebühren auswirken (über 10%), können erst nach dem Ablauf des Jahres 2023 festgestellt und somit erst nach Ablauf des Kalenderjahres 2023 abschließend bearbeitet werden.“

Löcher sorgen für Havarie

Das Fass zum Überlaufen gebracht, hat allerdings im wahrsten Sinne ein anderer Vorfall: Im Zuge der Bauarbeiten wurde zum Verlegen der Anschlussrohre zwei große Löcher in die Hauswand gebohrt. Für Baumaßnahmen dieser Art eigentlich nichts Außergewöhnliches. „Hätte man nur nicht vergessen, die Löcher wieder rechtzeitig zu schließen“, merkt die Geschäftsinhaberin an, die nach dem Starkregen vergangenen Mittwoch ihren Augen nicht traute, als plötzlich das Wasser bis in die Keller lief. „Selbst unser Ablaufsystem konnte die Wassermengen nicht abhalten, so dass wir kurz davorstanden, die Feuerwehr zu rufen.“ Glücklicherweise sei noch einmal alles gut gegangen. „Uns ist es zu dritt gelungen, das Wasser abzuschöpfen.“ Auf die Aufräumarbeiten hätten sie aber dennoch gern verzichtet. Nicht so wiederum, wenn es um die Sauberkeit der Baustelle geht. „Auch hier häuft sich der Müll und auf der anderen Seite entsteht ein zweiter „Zeisigwald“.

Wer trägt die Verantwortung?

Auf Nachfrage, inwieweit die Stadt Chemnitz Verantwortung für den vorhandenen Abfall auf und neben der Baustelle trägt, wurde auf den ASR verwiesen. Eine Antwort direkt von der Stadt Chemnitz hat WochenENDspiegel nicht erhalten. Für den Bereich innerhalb der Baustellenabsperrung sei laut ASR der jeweilige Bauträger zuständig. Auf den Gehwegen, die weiter vom öffentlichen Verkehr genutzt werden, gelte weiterhin die satzungsgemäße Reinigungspflicht. „In diesem Fall ist diese den Grundstückseigentümern der von der öffentlichen Straße erschlossenen Grundstücke per Satzung übertragen
Zollfrank: Wir hoffen, dass alles mit Ende der Baustelle weg ist.“ Bis dahin werden allerdings noch einige Monate vergehen. Voraussichtlich im März soll das Fernwärmenetz fertig sein. „Und auch hier haben die Verantwortlichen vergessen, das Jahr anzugeben“, erinnert sich Diana Zollfrank an das letzte Schreiben der Baufirma. „Am Anfang haben wir das mit einem Schmunzeln abgetan, inzwischen ist uns das Lachen mehr als vergangen.