Erinnerungen an die Jahrhundertflut
Region. Rekordmengen an Niederschlag, Bäche und Flüsse, die zu reißenden Strömen anschwellen, erbarmungslos Häuser und Brücken mit sich reißen, Dörfer und Städte überfluten und Existenzen zerstören.
Dieses gewaltige Naturereignis, welches ab jenem Montag, dem 12. August 2002, über weite Teile Sachsens hereinbrach, sollte als „Jahrhundertflut“ in die Geschichtsbücher eingehen, als ein Hochwasser, welches Zerstörung und Leid mit sich brachte, aber auch bei Menschen in den betroffenen Gebieten ein hohes Maß an Solidarität und Zusammenhalt auslöste.
Heute, 20 Jahre nach der verheerenden Katastrophe, sind die schicksalshaften Tage noch immer gegenwärtig, die Erinnerung an die dramatische Zeit nicht verblasst. Viele könnten sogar wahrscheinlich noch detailliert widergeben, wie sie diesen verhängnisvollen 12. August 2002 selbst erlebten, so zum Beispiel unser Redakteur:
„Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. An diesem Montag sollte meine Großmutter auf dem Friedhof beigesetzt werden. Schon in der Nacht fand ich keinen Schlaf. Und als ich morgens zum Fenster hinaus blickte, regnete es bereits in Strömen. Dabei dachte ich: Wie treffend. Der gutherzigste Mensch, den ich kenne, geht und der Himmel weint um ihn. Es war ein Tag, an dem ich alles um mich herum ausblendete und meiner Trauer freien Lauf ließ. Und das Wetter passte zu meiner Stimmung. Als nach dem Mittag Verwandte aus der Leipziger Gegend verspätet eintrafen und uns ihre abenteuerliche Fahrt schilderten, registrierte ich erstmals die Zuspitzung der Ereignisse. Freunde überredeten mich dann zu einer abendlichen Tour mit dem Auto – in dem Moment eine willkommene Ablenkung, aber auch die Heimkehr ins Hier und Jetzt. Eine Brücke war bereits von den Fluten weggerissen worden, aus den Gullideckeln sprudelten meterhohe Wasserfontänen. Während wir noch versuchten, diese Bilder zu verarbeiten, klingelte das Telefon: Havarie beim Nachbarn. Der Dorfbach ist zum reißenden Strom geworden und bahnt sich gerade seinen Weg quer durchs Haus. Jede helfende Hand wird gebraucht. So begaben wir uns direkt auf den Weg. Dort angekommen packten wir ohne groß zu fragen mit an und versuchten mit Pumpen, Eimern, Hader und Schrubber sowie Schaufeln und allem Möglichen das Wasser irgendwie aus dem Haus zu bekommen, was uns letztendlich gelang. Müde, aufgewühlt und entkräftet begaben wir uns irgendwann spät nachts auf den Heimweg. Erst im Hausflur auf der Treppe bemerkte ich, dass meine hohen Gummistiefel noch randvoll mit Wasser gefüllt waren, ein Geräusch, welches ich bis heute im Ohr habe.“
So verbindet jeder ganz persönliche Erinnerungen mit diesem schlimmen Ereignis vor 20 Jahren und hofft, solch eine Jahrhundertflut nicht noch einmal erleben zu müssen.
Erinnern auch Sie sich noch an diesen 12. August 2002? Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen mit. Schreiben sie diese an annaberg@wochenendspiegel.de
20 Jahre nach der Flut
Heute, 20 Jahre nach dem katastrophalen Naturereignis, sind die Spuren weitestgehend beseitigt. Über drei Milliarden Euro wurden für die Verbesserung des Hochwasserschutzes, die nachhaltige Schadensbeseitigung an den Gewässern und die naturnahe Gewässerentwicklung investiert. „Etwa drei Viertel der 749 Projekte des sächsischen Hochwasserschutzprogramms sind bereits abgeschlossen, 23 befinden sich derzeit im Bau, 156 sind in Planung oder Genehmigung“, informiert das sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie.

Foto: Michael Weber
Wie Eckehard Bielitz, Geschäftsführer der Landestalsperrenverwaltung, sagte, bleibe die Verbesserung des Hochwasserschutzes in gefährdeten Ortslagen jedoch eine Generationenaufgabe, da es mit dem Bau von Hochwasserrückhaltebecken, Deichen und Hochwasserschutzwänden nicht getan sei. „Der Betrieb und die Unterhaltung der Anlagen ist die Voraussetzung dafür, dass alles bei einem Hochwasser auch nach Jahrzehnten noch einwandfrei funktioniert. Auch das ist eine Daueraufgabe, für die langfristig die entsprechenden Ressourcen erforderlich sind“, so Bielitz. „Außerdem ist es wichtig, dass sich jeder Bürger über sein individuelles Hochwasserrisiko bewusst ist, sich informiert und aktiv damit auseinandersetzt. Denn nur so können Betroffene selbst vorsorgen. Öffentlicher Hochwasserschutz durch den Freistaat ist weder überall möglich noch sinnvoll. Hochwasser sind extreme und komplexe Naturereignisse, die auch künftig auftreten werden und vorhandene Schutzanlagen dabei auch überfluten können.“ Ein vollständiger Hochwasserschutz sei deshalb nicht möglich, sondern es verbleibe immer ein bestimmtes Risiko. Deshalb würden neben Hochwasserschutzanlagen insbesondere Information, Warnung und Eigenvorsorge zentrale Bestandteile eines effektiven Hochwasserrisikomanagements sein. Künftig solle zudem der Fokus noch mehr auf dem natürlichen oder gesteuerten Rückhalt von Wasser in den Flussauen oder Poldern gelegt werden. Denn der gezielte Rückhalt von Wasser sei ein wichtiger Beitrag, Hochwasserschäden zu vermindern.
„Das ist in unserem dicht besiedelten Bundesland natürlich nicht überall möglich. Deshalb ist es umso wichtiger, bisher freie Flächen in Überschwemmungsgebieten nicht weiter zu bebauen und zu versiegeln. Jeder Neubau in einem Hochwasser-Risikogebiet ist ein neuer potenzieller Schaden bei möglichen künftigen Hochwassern“. Die entsprechenden Risiko- Karten lägen den Kommunen und Planern vor.




