
Chemnitz. Wer sich traut, darf für sich trommeln! Dieses Angebot macht der WocheENDspiegelsächsischen Landtagskandidaten. Sie beantworten kritische Fragen unserer Journalisten.
Heute: Holger Gustmann, Direktkandidat der Partei Freie Wähler Sachsen im Wahlkreis 19, Mittelsachsen 2.
Hier geht es zum Trommel-Wirbel von Holger Gustmann:
Beginnen wir mit zwei Nebensächlichkeiten, die aber augenscheinlich sind. Was sollen Ihr außergewöhnlicher Bart und die auffällige Kette uns respektive den Wählern sagen?
Beides trage ich seit vielen Monaten und hat nichts mit meinem politischen Engagement zu tun. Meine Frau und ich sind bekennende Metal-Fans und dies sind typische Erkennungssymbole für diese Musik. Dazu stehe ich auch durch mein Outfit. Wir waren 2019 bereits auf 5 Konzerten, drei weitere folgen noch bis Jahresende.
Sie kommen unter dem Deckmantel der Partei-Unabhängigkeit daher, geben sich den Anschein, Vertreter der Wählergemeinschaften zu sein, die auf kommunaler Ebene sehr erfolgreich sind, viele Bürgermeister stellen. Mit denen haben SIE – DIE PARTEI FW – gar nichts zu tun! Die Freien Wähler – eine Mogelpackung?
Wenn man sich meine politischen Aktivitäten ansieht bemerkt man ganz schnell, dass das so nicht stimmt. Ich bin seit 10 Jahren Gemeinderat in der Gemeinde Bobritzsch-Hilbersdorf. Die ersten 5 Jahre für die Allianz unabhängiger Wähler (AuW), die letzten 5 und die nächsten 5 Jahre für die Freien Wähler Mittelsachsen e.V.. Seit 25.04.2019 bin ich 2. Stellvertreter des Bürgermeisters und am 26.05.2019 wurden die Freien Wähler in unserer Gemeinde stärkste Kraft vor CDU und AfD. Ich bin Schatzmeister der FREIEN WÄHLER Sachsen – Kreisvereinigung Mittelsachsen. Kreisvorsitzender und stellvertretender Kreisvorsitzende sind der Bürgermeister von Oederan und die Bürgermeisterin von Lichtenberg/Erzgebirge – beide seit vielen Jahren im Amt für die Freien Wähler.
Ich sehe da keine Mogelpackung.
Wie erklären Sie sich, dass die FW in Bayern mit regieren, in Sachsen aber ziemlich bedeutungslos sind.
In Bayern sind die FREIEN WÄHLER seit 2008 im Landtag vertreten. Dazu war es aus Gründen des Wahlrechts notwendig, eine organisierte Wählergruppe zu gründen (1998). In Sachsen erfolgte dieser Schritt erst 2011. Ich sehe uns FREIE WÄHLER Sachsen als Funktionspartei, um den Wählervereinigungen endlich auch eine Stimme im Landesparlament zu verschaffen. Das muss den Wählerinnen und Wählern noch viel besser vermittelt werden. Wer den freien Wählervereinigungen zur Kommunalwahl seine Stimme gegeben hat, sollte das durchaus auch bei den Landtagswahlen tun. Ich persönlich werde als Landespolitiker nicht anders handeln als ein gewählter ehrenamtlicher Kommunalpolitiker.
In Ihrer Vorstellung beim MDR geben Sie an: „Tradition mit Moderne kreativ verbinden, je nach Sachlage denke ich konservativ, sozial oder/und liberal.“ Ja, was denn nun?
Wie gesagt – je nach Sachlage. Ich denke immer in der Sache und nicht in Parteistruktur. Kommen aus anderen Parteien Lösungsvorschläge die ich gut finde, stimme ich denen zu. Es ist mir egal, ob der Vorschlag zum Beispiel von CDU, den Grünen oder auch der AfD kommt – das Problem ist zu lösen. Ich habe da keine Berührungsängste. In den Kommunen funktioniert das doch auch. In meiner Gemeinde waren bisher CDU, Freie Wähler und Linkspartei vertreten und in der Sache gab es eigentlich fast immer Einigkeit. Das erwarten die Menschen aus meiner Sicht auch von einer Landesregierung und dem Kontrollgremium Landtag. „Loofen muss es“ sagt der Sachse!
Sie wollen Natur und Wirtschaft in ihren Kreisläufen unterstützen. Klingt nach der Quadratur des Kreises…?
In der aktuellen Klima- und Umweltschutzdiskussion herrscht viel zu viel Hysterie und Aktionismus. Das Schaffen von geschlossenen Kreisläufen auch im Hinblick regionaler Aspekte löst viele Probleme viel einfacher und schont Ressourcen. Wie viel Ökologie steckt in Biofrühkartoffeln aus Ägypten oder Biospargel aus Peru? Wie CO2 neutral sind Textilien, bei denen die Baumwolle aus Ägypten stammt, die Sachen in China genäht und in Europa verkauft werden? Die Stärkung der regionalen Märkte schafft Arbeitsplätze und verkürzt die Transportwege erheblich. Und wer will, kann sich die Entstehung der Produkte auch noch vor Ort ansehen. Ich bin kürzlich den Marktschwärmern beigetreten (www.marktschwaermer.de). Das Konzept ist für mich überzeugend. Genauso die dezentrale Energieversorgung. Aber daran haben die großen Energieversorger und Lobbyverbände nicht so großes Interesse. Aber es geht und gehört massiv gefördert. Ein sehr gutes Beispiel sehen sie auf Youtube (https://www.youtube.com/watch?v=bhQvj1tBpXE).
Sie sind Gymnasiallehrer. Zuletzt gab es Debatten über den Schwierigkeitsgrad beim Abitur, man überlegte, sich auf ein niedrigeres Niveau zu begeben. Was halten Sie von dieser Entwicklung und wie stehen Sie zu einem Zentral-Abitur bzw. zu einer zentralen Bildungspolitik?
Von einer Absenkung des Bildungsniveaus halte ich gar nichts. Wir sind jetzt schon im internationalen Vergleich keine Spitzennation mehr. Die Diskussion im Abitur 2019 bezog sich hauptsächlich auf das Fach Mathematik. Ich hatte selbst einen Grundkurs Mathematik und meine Schülerinnen und Schüler haben im Durchschnitt 8,8 Notenpunkte (entspricht einer 3) erreicht. Es waren auch 14 und 15 Notenpunkte dabei. Was sicher notwendig ist, ist die Inhalte noch viel stärker an modernen wirtschaftliche und gesellschaftliche Anforderungen auszurichten. Und das Thema Digitalisierung ist schnellsten umzusetzen.
Es fehlt an vielen Stellen an gutausgebildeten Fachkräften und das Handwerk ruft seit vielen Jahren nach Nachwuchs. Dazu braucht es eine viel höhere Wertschätzung unserer Oberschulen.
Wir brauchen in einem Jahrgang keine 50% Abiturienten.
Und ich sage JA zu einer zentraleren Bildungspolitik. Kinder, deren Eltern in ein anderes Bundesland ziehen, müssen die gleichen Bildungsbedingungen und -anforderungen vorfinden.



